Unmögliches möglich machen

Janis McDavids Leben ohne Arme und   Beine

Diese Treppe in der Bochumer Schulkantine. Immer wenn Janis McDavid nach dem Kindergarten hier mit seinen Eltern zum Mittagessen ging, übte sie eine fortwährende Anziehungskraft auf ihn aus. Was ist oben? Diese Frage trieb ihn immer wieder aufs Neue an den Stufenbereich. Er brauchte diesen einen, unbeaufsichtigten Moment, wenn seine Eltern bezahlten, um Stufe für Stufe der Antwort etwas näher zu kommen. Meistens erwischte ihn ein Elternteil auf halber Strecke. Er wurde jedoch schneller und dann kam der Tag der Tage. Janis erreicht die Empore. Das nüchterne Ergebnis: hier befindet sich nur das Sekretariat! Und trotzdem war dies hier mehr, als ein reiner Treppenaufstieg...

Janis McDavid (23) kam ohne Arme und Beine auf die Welt. Wie das genaue Behinderungsbild heißt oder definiert ist, weiß er bis heute nicht. Es interessiert ihn auch nicht. „Das ändert ja nichts an der Tatsache“, und so spielt das Körperbild in seinem Leben eher eine untergeordnete Rolle.
Der gebürtige Hamburger mit schot- tisch-irischen Wurzeln hatte nur kurz Zeit Seeluft zu schnuppern, da er bereits relativ schnell seine Eltern und damit auch den Wohnort wechselte. Von der Elbe an die Ruhr legten Janis Pflegeeltern in  Castrop-Rauxel den Grundstein für ein größtmöglich  eigenständiges Leben.
„Die Frage war eigentlich stets: Wie geht etwas? Und nicht ob  es geht.“ So kommt Janis auch in einen inklusiven Kindergarten – besser gesagt: die Eltern machten diesen inklusiv. „Ich war halt der Janis – und das war es dann!“

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Eine weitere erfolgreiche Inklusi- onsgeschichte wurde dann 1998 bei seiner    Einschulung    geschrieben.

Obwohl es wenige 100 Meter von Janis` Schule eine Schule für körperbehinderte Menschen gegeben hätte, war es seinen

Eltern immer wichtig, dass er die Chance bekam, sich an Menschen zu messen, die nicht mit körperlichen Besonderheiten geboren wurden. „Das hat mich unheimlich angespornt und dazu motiviert, meine Unabhängigkeit noch weiter auszudehnen. Auch für mein späteres Leben in einer Welt, welche auf Menschen mit Armen und Beinen zugeschnitten ist, war dies eine wichtige Voraussetzung.“ Janis geht also den Regelbildungsweg, wenn auch – wegen fehlender Alternativen – den Privaten. An einer Bochumer Waldorfschule blieb er bis zum Abitur. Ohne Extrawürste. Er schreibt per Mund mit dem Stift, lernte hier sogar Stricken und Tanzkurse kennen.
Auch die ersten Erfahrungen und sein Interesse an Wirtschaft und wirtschaft-lichen Zusammenhängen sammelte Janis, durch die Gründung einer Schülerfirma, bereits während der Schulzeit. Das Steckenpferd des heutigen Wirtschaftsstudenten an der Uni Witten/ Herdecke. Seinen Kindheitsberufs-wunsch – Motorradpolizist – ließ er dafür augenzwinkernd sausen.

 

„Ich war halt der Janis –
und das war es dann!“


Den reiselustigen Abiturienten zog es damals allerdings zunächst erst einmal für drei Monate nach Namibia. Sein Studium führte ihn, nach einem Auslandssemester in London, schließlich zum IT– und Beratungsunternehmens-riesen IBM, wo er als Werksstudent aktuell immer noch tätig ist. Die meisten Strecken bewältigt Janis mit seinem eigenen Auto.  Mit 17  machte  er bereits den Führerschein und bekam mit 18 einen speziell auf seine Bedürfnisse angepassten Mercedes Van. Auch hier war die Frage nicht Ob sondern Wie? „Aus rein technischer Perspektive war dies kein Problem“, Janis fährt den Wagen per Joystick. Viel schwieriger war hier eher der zu bewältigende Behördenweg.

„Ich bin da zu Hause wo mein Auto ist“, beschreibt Janis kurz den Stellenwert der dadurch ermöglichten Mobilität und Flexibilität. 150.000 Kilometer stehen übrigens seit Anschaffung bereits auf dem Tacho, denn Janis McDavid ist nicht nur reiselustig, sondern auch nahezu ständig im Rahmen seiner Lobbyarbeit Unmögliches möglich machen unter- wegs.

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Natürlich geht es hier vordergründig auch um Inklusion und die Definition des Begriffs Normalität. Generell geht es jedoch um so viel mehr, da an Janis und seiner Vita nahezu sämtliche Vorurteile und Entschuldigungen, in Bezug auf verwehrte Teilhabe in sämtlichen Lebensbereichen, teflonartig abperlen.

„Oft werde ich mit dem Begriff der Normalität konfrontiert, entweder um darzustellen, dass ich normal sei oder  nicht, je nach Absicht meines Gegen-übers. Diese Frage scheint viele Menschen zu beschäftigen, mich einge-schlossen. Aus soziologischer Sicht gibt es eine ganz klare Definition, was unter Normalität zu verstehen ist“: Normalität ist aus soziologischer Sicht als das Selbstverständliche in einer Gesellschaft



bezeichnet worden, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr ent- schieden werden muss.

„Wie kann man mit dieser Definition in einer Welt mit 7 Milliarden unterschied-lichen Menschen von Normalität sprechen? Ich bin der Auffassung man kann, habe aber ein  anderes  Ver- ständnis  von   dem Begriff: Wir alle streben ständig danach, anders, etwas Besonderes zu sein. Unsere Gesellschaft ist davon geprägt, dass Menschen überall ihre Einmaligkeit kommunizieren, sei es im Job, beim Flirten oder unter Freunden. Ich glaube daher: Individualität ist die neue Normalität!“
Eine weitere Säule seines Lebens ist die ehrenamtliche Vorstandsarbeit beim Jugendnetzwerk Lambda, einem bundes-weiten Jugendverband für lesbische, schwule, trans, bi, intergeschlechtlich und queere Jugendliche.
Denn auch mit seiner sexuellen Ori- entierung geht Janis sehr offen um, ohne jedoch Problemsituationen oder mög- liche Konfrontationen offensiv zu suchen. „Schwul? Das auch noch?“, ist so ein Satz, den Janis schlicht mit einem müden Lächeln quittiert. Vielmehr versucht er in der Netzwerkarbeit bei Lambda das Thema durch die Bereiche Beratung, Aufklärung, Freizeit, Politik

und internationale Vernetzung (auch im Rahmen eines internationalen Sommer-camps) zu verknüpfen und in den Fokus zu rücken.

Erfreut  stellt  er  in  diesem Zusam-menhang jedoch auch immer wieder fest, dass sowohl seine Behinderung, als auch seine sexuelle Orientierung ihm bereits die ein oder andere Tür geöffnet hat.

 

„Ich kann noch vielmehr,
wenn ihr mich nicht behindert!“

 

Ein Leben auf der Überholspur also? „Stimmt, manchmal hat der Tag gar nicht genug Stunden. Dann muss ich mich regelrecht zwingen weniger zu arbeiten“, ist Janis eigentlich immer irgendwo aktiv. Mit seinem Mentor Gerd Kirchhoff arbeitet er daher ständig daran, diese vielen Teilbereiche kompatibel zu gestalten oder zu verbinden. Sie haben zusammen ein Video produziert, das eindringlich die Möglichkeiten aufzeigt, die ein vergleichsweise normales Leben ermöglicht, „wenn man mich nicht behindert!“

Das Video führt buchstäblich vor Augen, wo man Barrieren in den Köpfen oder aber im Berufsleben oder im Alltag abbauen muss. Dazu gehört auch viel Überzeugungsarbeit, damit das anstehen-

de  Bundesteilhabegesetz so verab-schiedet wird, dass wirkliche diskrimi-nierungsfreie Teilhabe am Berufsleben wie auch im Alltag möglich wird.

Doch dann packt ihn auch irgendwann wieder das Fernweh. Reisen!
„Ich bin oft unterwegs und liebe es, andere Länder/Kulturen kennen zu lernen. Außerdem ist dies mit die beste Möglichkeit, Anderen zu zeigen, dass man mit körperlichen Heraus-forderungen keineswegs ans heimische Sofa gefesselt ist!“
Für einen Kino-Marathon fährt Janis übrigens auch gerne einmal mehrere hundert Kilometer nach Aachen. Und wenn die Wise Guys eine Spezialnacht in Ulm veranstalten, sind ihm auch 1.500 Kilometer für  ein  Wochenende  nicht  zu weit.
„Am liebsten bin ich natürlich auch in der Freizeit in einem Umfeld, welches barrierefrei ist und in dem ich mich frei bewegen kann. Ich hoffe, dass es davon zukünftig immer mehr geben wird!“
Janis geht zurück zu seinem Wagen. Uni steht noch auf dem Programm. Das Klettern auf den Fahrersitz wirkt gekonnt. War eben doch mehr als ein Treppenaufstieg – damals, in der Bochumer Schulkantine.


caput-Magazin, September 20125